Gerade sitze ich hier und beantworte eine nie enden wollende Flut an Mails, Hunderte von Mails, die pro Tag (manchmal pro Stunde) bei mir eingehen. Wie ich das mache? Nun ich nehme mir morgens als erstes eine Stunde dafür und dann eine weitere halbe Stunde am Ende des Arbeitstages. Und ich erledige immer mal kurz zwischendurch ein paar Mails, während ich Texte schreibe oder Meditationsmusik aufnehme. Ich habe mich mittlerweile so daran gewöhnt, dass ich das, was da jeden Tag auf mich einstürmt, relativ leicht bewältigen kann. Aber das war nicht immer so – es gab auch Zeiten, da das Bild einer digitalen Flutwelle, die immer größer werden und mich eines Tages verschlingen würde mir nur die Wahl zu lassen schien zwischen einem Nervenzusammenbruch, einem Leben als an den Computer geketteter E-Mail-Sklave oder einem Wechsel meiner Identität und dem Beginn eines neuen Lebens irgendwo im Amazonasgebiet. Hört sich jetzt vielleicht witzig an, aber zu der Zeit – etwa vor sieben Jahren – war ich wirklich fertig und bis auf die Grundfesten erschüttert von der Aussicht einer ständigen Fesselung an elektronische Geräte. Ich versuchte die Beantwortung an einen Assistenten auszulagern, aber das schien lediglich noch mehr Zeit zu kosten und zu noch mehr angestauten Mails zu führen. Ich hörte mir gut gemeinte Ratschläge an, ich solle nett formulierte automatisierte Antworten verwenden, aber jeder, der die Art von Schmerz kennt, mit dem Menschen zu mir kommen und die Hilfe, die sie sich von mir erwarten weiß, dass das einfach auf Dauer nicht funktioniert und bei geschäftlichen Mails geht es sowieso nicht.
Ich entschied mich also zu einem radikalen Perspektivenwechsel oder Reframing. Ich hörte einfach auf, in den Widerstand zu gehen. Anstatt das Ganze als eine Flutwelle zu sehen, gegen die ich mich stemmen musste, ließ ich den Widerstand in meinem Körper los – ich entspannte meine Brust und meinen Bauch und konnte so freier atmen – ich begann jede Mail als einen vom Tao gesandten Wassertropfen bedingungsloser Liebe zu sehen. Ich begann mich dafür zu bedanken, dass ich das unerhörte Privileg haben, auf eine so weit reichende Weise mit meinen „Stammesgenossen“ verbunden zu sein. Ich zeigte Dankbarkeit dafür, einen Beitrag leisten zu dürfen – und ich hörte auf zu glauben, dass ich durch die Mails hetzen musste, um sie schnell zu erledigen und nahm so den Zeitdruck heraus.
Die meiste Zeit funktioniert dieses neue Modell – alles ist prima und es macht ehrlich gesagt sogar dann noch richtig Spaß, wenn es manchmal ein wenig eng wird, weil ich einen Tag oder mehrere Tage mal nicht an den Computer gehe, weil ich beispielsweise einen Workshop gebe oder die ganze Nacht auf der Bühne stehe und Musik mache, eine Marathonsitzung im Aufnahmestudio einlege oder einfach mal einen Tag frei mache. Dann komme ich nach Hause und Tausende der kleinen Biester zappeln ungeduldig in meinem Eingangskorb – aber das ist in der Regel ok und wunderbar und das Leben geht weiter.
Was nur einmal mehr zeigt, dass das, was wie ein scheinbar unüberwindliches Hindernis aussieht, manchmal nicht mehr als ein Hirngespinst ist, das sich schnell auflöst, sobald man dahinter die bedingungslose Liebe erkennt, deren Ausdruck es ist.
Ich wünsche Ihnen eine wunderbare Auflösung.
Alles Liebe, Doc
Übersetzung Beate Brandt
beate.brandt@visioncreate.de